Chelonis R. Jones Werke entziehen sich bewusst jeder Normierung und bleiben in der Vielseitigkeit ihrer Themen so ambivalent wie die Gedankensprünge des Künstlers. Der Maler kennt keine Scheu vor der leeren, weißen Leinwand, dem leeren Bildraum, hat keine Angst vor dem philosophischen Horror vacui – im Gegenteil: er betrachtet ihn als sein künstlerisches Paralleluniversum, das er an die Stelle der uns bekannten Welt treten lässt. Dieses Universum versteht er opulent mit seinen gedanklich extravaganten Anspielungen visuell zu füllen.

Während seine Malerei den Rezipienten zunächst durch ihre Farbigkeit zu einer oberflächlichen Betrachtung verführen und ihm ein heiteres Lächeln entlocken mag, wird jedoch bei näherer Betrachtung der aufmerksame Kunstliebhaber instinktiv spüren, dass er da dem Künstler ganz gewaltig auf den Leim gegangen ist….
Suggerieren pastellfarbene Elemente in hellem Babyblau, Rosa, kräftigem Pink, Rot und Orange, Lila, Gelb und einem hellen, zarten Grün, das über Grasgrün bis ins Türkis changiert, zunächst in zahlreichen Werken eine täuschend fröhliche Grundstimmung, ja sogar Heiterkeit und Unbeschwertheit, so schleicht sich allmählich durch die Verquickung der Motive ein intuitives Unbehagen ein.

Exemplarisch für einen solchen Stimmungswechsel steht das Bild mit dem Titel „The Dream“, das uns Bert aus der Sesamstraße frontal vor kunterbuntem, bonbonfarbenem Pink–Violett entgegenschauen lässt. Der Hintergrund erweckt die Assoziation einer Straßenkarte, auf der die Häuserblocks durch bunte, lustige Kringel und chaotisch ineinander greifende Linien markiert sind und durch deren Straßen sich munter das ABC schlängelt.

Die Mondsichel leuchtet in strahlendem Gelb, das in zahlreichen Elementen wieder aufgegriffen wird…dieser Pink–Violett–Gelb–Kontrast sollte uns allerdings stutzig machen, denn er ist psychologisch gesehen der aggressivste unter den Komplementärkontrasten. Und auch Berts schief nach unten gezogene Mundwinkel verheißen keine Freude, genauso wenig der senkrecht aus dem Nichts emporragende Unterarm mit der geballten Faust im rechten Drittel des Triptychons… Die Mimik des verdutzt dreinschauenden Bert verrät zudem Enttäuschung, Ratlosigkeit und Wut. Normalerweise ist es sein Kumpel Ernie, der die Fragen stellt, die der Refrain der deutschsprachigen Sesamstraßenmelodie hintereinanderreiht: „Wer? Wo? Was? – Wieso? Weshalb? Warum? – Wer nicht fragt, bleibt dumm…“.
Es ist Bert, der eigentlich immer eine Antwort parat hat.
Hier scheint man ihm allerdings Schläge anzudrohen… es scheint so, als ob Chelonis in der Figur des Bert die Personifizierung einer neu erdachten Allegorie des Wissens einführt und sich gleichsam mit seinem Protagonisten identifiziert: Der Künstler als der neugierige Quälgeist, der Zusammenhänge hinterfragt und unbequeme Antworten liefert. Es geht um die Etablierung des Künstlers im Kunstbetrieb, in der Gesellschaft, um generelle Fragen im Bereich der Kunst, der Moral, rassistische Diskriminierungen, Macht, Glaube, Religion und das Unterbewusstsein. „The dream“ droht zum Albtraum zu werden….

„The Nightmare“, ebenfalls ein Triptychon, zeigt eine Figur, die an die Comicserie Peanuts erinnert. Die dargestellte Person scheint zwei Charaktere der Serie in sich zu vereinen: einerseits den kleinen Charlie Brown, der als Hauptfigur der Comicserie ein ernsthaftes, unglückliches Kind in der Rolle des ewigen Verlierers, das Opfer von bösen Streichen, und somit laut Zeichner Charles M. Schulz ein Abbild dessen eigener Kindheit darstellt und andererseits Linus, den zweitbesten Freund von Charlie Brown, die reifste Persönlichkeit unter den Peanuts, der gerne philosophische Gespräche führt.
Sein Attribut ist seine Schmusedecke, auf die er immer noch angewiesen ist. Sie dient zum Trösten, bei Bedarf allerdings auch als „Waffe“, um sich zum Beispiel gegen lästige Fliegen zu wehren, die er damit im Flug tötet, was ihm unter seinen Kumpanen dann doch einen gewissen Respekt verschafft. Deshalb wagt es auch kaum jemand, sich über ihn lustig zu machen. Diese Synthese aus Charlie Brown und Linus scheint eine Anspielung auf den Künstler selbst zu sein, der eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich hat und sich permanent Respekt verschaffen musste…
Chelonis Malerei verbindet hier Aspekte der Pop-Art mit dem Gestus expressiver Abstraktion ebenso wie Elemente der Concept Art mit den Facetten seines Individual Symbolysm.

Nicht das Verlangen nach Ästhetik sondern der Grundgedanke des Künstlers bestimmt seine bedeutungsschwangeren Bildinhalte.

Chelonis spielt innerhalb des Bildraumes mit Wort- und Satzfragmenten, seine Titel geben von einer Sphäre außerhalb der Leinwand die intentionale Bestimmung der Komposition preis. Die von ihm erdachten Bildelemente symbolischen Charakters verknüpfen sich mit den Wortfragmenten und Sprechblasen zu geistigen Verbindungen zwischen den Bildmotiven und visualisieren auf diese Weise seine künstlerische Intention. Mit der Evokation neuer Gedankenstränge im Geiste des Betrachters lehnt er sich gegen die Starre und Dekadenz in der Kunstrezeption auf.
Er stellt somit das Prinzip der reinen Anschauung in Frage und sucht nach neuen Wegen, um Kunst adäquat zu konsumieren.
Dazu gehört auch die Adaption kunstgeschichtlicher Motive, wie z.B. in den Werken „Ganymed“, „de Goya“ oder „Bacchanelia“. Die dabei verwendeten neuen Motive, die tradierte Symbole ersetzen, führen zur Irritation des Betrachters. Porträtiert Rubens 1611 den von Zeus entführten Ganymed noch als schönen Jüngling, (Der Raub des Ganymedes, , Museo del Prado, Madrid), stellt ihn Rembrandt dagegen in Auftrag eines niederländischen calvinistischen Mäzens in einer Version von 1635 (Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden) als verängstigtes, heulendes und urinierendes Kleinkind dar, das von Zeus in Gestalt eines mächtigen Adlers in den Olymp entführt wird.
Chelonis adaptiert die Figur des Kindes in einen kleinen Hundewelpen, der auf einem wackeligen Floß einen Fluss entlang treibt und von Haien umkreist wird, die ihn entführen wollen.
Das Werk „de Goya“ vereint in sich Referenzen an zwei Werke des spanischen Malers und Grafikers Francisco de Goya, (Francisco José de Goya y Lucientes, 30. März 1746 † 16. April 1828) mit den Titeln „Saturn verschlingt seine Söhne“und „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“/(„El sueño de la razon produze monstruos“) gleichermaßen. Das kräftige, feurige Rot signalisiert die Gefahr, die von dem Ungeheuer ausgeht und unterstreicht farblich intensiv die psychologische Wirkung seiner Phantasmagorien.
Nicht nur ins Phantastische und Parapsychologische schweifen die Gedanken des Künstlers ab, sondern auch in Bereiche, die sich mit der Religiosität der Menschen auseinandersetzt, wie das Triptychon „Bacchanelia“. Links Osiris, der Totengott der Ägypter in Gestalt des schakalköpfigen Gottes Anubis, der ebenfalls als Totengott verehrt wurde und vornehmlich für die Mumifizierung der Toten zuständig war. Mit dieser Aufgabe ist er genauso wie Osiris, der nach seinem Tode als Herrscher des Totenreiches fungierte, ein Hoffnungsträger für die Menschen, die sich mit dem Gedanken an ein Leben nach dem Tod trösten.
Rechts dann eine dunkelhäutige Jesusfigur mit Heiligenschein, deren Aura allerdings durch eine sehr witzige Bildidee konterkariert wird: das Wasser vor ihm hat sich gelblich gefärbt – allerdings nicht durch die Spiegelung des göttlichen Nimbus, sondern hervorgerufen durch ein sehr menschliches Malheur.
Dennoch bleibt die Christusfigur als Herrscher des Himmels und der Erde ein Synonym für die Auferstehung, die der Künstler als schwierigen Weg vom Reich der Toten in den Himmel im mittleren Bereich des Triptychons wie eine Himmelsleiter als „Turmbau zu Babel“ darstellt.
Ein weiteres symbolträchtiges Element ist der sich als linearer Balken im unteren Teil der Leinwände über das Triptychon hinziehende Streifen Wassers, der auf der linken Seite des Todes zu Eis erstarrt ist, im mittleren Bereich schmilzt und sich im rechten Teil vor dem lebenden Christus zu einem bewegten, lebendigen Strom verbreitert. In Verbindung mit dem Titel „Bacchanelia“, der auf die rauschhaften, oft mit sexuellen Exzessen wild ausschweifenden Kultfeiern des Gottes Bacchus anspielt, führt Chelonis eigenwillige ironische Bildsprache im zitathaften Spiel mit Widersprüchen und Klischeevorstellungen zur Karikatur oder auch zum hintersinnigen Bilderrätsel.
Weit weniger rätselhaft bleibt für den Betrachter die Intention des Bildes mit dem Titel „Max Lorenz“. Der berühmte Opernsänger Max Lorenz rettete seine jüdische Gattin Lotte im II. Weltkrieg vor der Verfolgung durch die SS. Er versteckte nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter vor den Nazischergen in seinem Haus.
Wortfetzen wie „Lotte“, „nazi“, „war“, „save wife and her mother“, bilden die realen Bezüge zur geschichtlichen Vergangenheit, “reputation” und “ may never repair” mögen sich auf das Ende seiner Zeit bei der Wiener Oper beziehen, wo er zu Glanzzeiten als Star gefeiert, aber im Alter sang- und klanglos entlassen wurde.
Die Textfragmente widersetzen sich in ihrer Erscheinung auf den ersten Blick einer linearen Gedankenstrategie, unvermittelt tauchen sie auf der Bildoberfläche auf, schweben zusammenhanglos durch den Bildraum und offenbaren ihre Relationen erst Bezug nehmend auf den Titel des Werkes.
Auf dieses Weise aktiviert der Künstler die freien Gedanken und Assoziationen des Betrachters auf einer poetischen Ebene und entwickelt mit einer beneidenswert spielerischen Leichtigkeit seine gesellschaftskritischen Ideen, die er aus unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven generiert und im kreativen Schaffensprozess derart komplex zu einer Einheit verschmelzen lässt, dass die Ernsthaftigkeit seiner Themen erst auf den zweiten Blick offensichtlich wird.
Ähnlich wie Jean-Michel Basquiat, Jan Voss oder Gérard Guyomard durchbricht Chelonis R. Jones tradierte Darstellungsmuster, wobei seine neoexpressiv angehauchte Kunst die narrativen Elemente seiner Malerei letztendlich erst im Geiste des Betrachters konkretisiert. Mit seiner unerschrockenen, mutigen und hemmungslosen Art formuliert Jones seinen zügellosen künstlerischen Willen ohne Rücksicht auf Verluste.
Anke Schmich, Mai 2012